Über die Hysterie 1879

Seite 2 ff. über die Hysterie:

Die hysterische Frau.

Mit der Bezeichnung: „hysterische Frau“ kann man die Ehemänner erschrecken. So übler Art sind die Erfahrungen, welche dieselben mit solchen Weibern gemacht haben, daß schon ihre Citation in Schrift und Rede Furcht einflößt, wie der Schornsteinfeger bei kleinen Kindern. In dem Worte „hysterisch“ eröffnet sich aber auch der inhaltvolle Begriffe einer ganzen eheligen Leidensgeschichte; wenn man mißvergnügte Ehemänner spricht, oder aber in manche Mißstimmung des Ehelebens als unvermuteter Zeuge hineinblickt, so hört man sehr oft den Gatten gegen den Vertrauten seine, vor den Augen und der Welt nicht selten als liebenswürdig, sanft, still oder lebhaft geltende Gattin als Ursache des Mißvergnügens oder häuslichen Unfriedens beschuldigen und von ihr behaupten: daß sie hysterisch sei, und man versteht den beklagenswerten Mann sofort in Allem, was er noch sagen könnte.

Eine hysterische Frau ist eine unsichere Gesellschafterin des Mannes, da sie keinen Augenblick Gewähr leistet, daß nicht bei ihr gewitterhafte Stimmungen des Gemüts oder Ärgers zu einem plötzlichen Ausbruche kommen, daß, außer dem raschen Wechsel von Wohlbefinden und Unwohlsein, von Heiterkeit und Trübsinn, Unruhe, Gleichmut und Leidenschaft, Einbildung und Wirklichkeit, wie plötzliche Anfälle von Erscheinungen eintreten, welche in ihrer Form verschieden, die Frau in Indisposition oder vorübergehend ins Bett treiben, wohl gar längere Zeit auf das Krankenlager werfen.

Wenn man auch leider wahrnehmen muß, daß die gegenwärtige Erziehung, Lebensweise und 
nervöse Konstitution bei der überwiegenden Mehrzahl des weiblichen Geschlechts viel zur 
Ausbildung der Hysterie beitragen und der betreffende Ehemann in vielen Fällen zu beklagen ist, so 
hat er doch dieses Los in vielen Fällen selbst mit verschuldet, indem er die körperliche und falsche 
Diätetik der Ehe nicht verwirklichte und entweder gleichgültig gegen Schonung und 
Gesundheitsbedingungen seines Weibes blieb, oder durch ein zu stürmisches oder gekünsteltes  Genussleben, die Ausbildung der Hysterie förderte.
 
Wie oft erkranken jüngere Frauen in der Ehe, wie oft bleiben sie kinderlos oder verfallen dem immer 
größer werdenden Gebiete der Frauenkrankheiten, dem jetzigen Modeleiden der weiblichen 
Generation, dem in der physischen und sittlichen Erziehung der Mädchen durch Blutarmut, 
Bleichsucht, Sinnenreize, nervöse Überreizung etc. tüchtig vorgearbeitet wird. 

Hysterie ist in den Augen des Arztes eine fieberlose Nervenkrankheit, vielgestaltig in Form und 
Erscheinung, es vermögen die schroffsten Gegensätze nebeneinander in diesem verwirrten 
Krankheitsbilde aufzutreten. Es ist eine Nervenkrankheit, von dem Nervenleben des weiblichen 
Geschlechtssystems in den meisten Fällen ausgehend, dessen Verstimmung auf Rückenmark und 
Gehirn reflektiert und von hieraus auf Vorstellungen, Empfindungen und Bewegung in abnormer 
Weise zu rückwirkt, was sich in der veränderlichen Laune, Unruhe, reizbaren Empfindlichkeit, in 
seltsamen Einbildungen und Gelüsten, Krämpfen aller Art, Ohnmacht, Kopfschmerz, Neuralgien etc. 
kund gibt. 

Es bedarf nur einer geringfügigen, gelegentlichen Veranlassung, eines einzigen der mannigfaltigen 
Einflüsse, um diese hohe Reizbarkeit bis zu einem Anfalle zu steigern, welcher entweder körperlich 
oder seelisch oder in beider Hinsicht gleichzeitig zur Erscheinung kommt; diese Frau fällt in 
Ohnmacht, jene hat Magen- oder Brustkrämpfe, Kolik, Herzklopfen, eine andere Verdauung– oder Blasenbeschwerden, Nervenschmerz oder nur eine Affektion des Gemüts. 

Es gibt eine angeborene, erbliche Anlage, die aber mehr in der Konstitution begründet liegt, während meistens die Hysterie ihren Ursprung in der Erziehung, namentlich in einer hysterischen Mutter hat 
und wohl eigentlich ein Erziehungsresultat ist, das nur durch Lebensweise und soziale Verhältnisse 
seine weitere Ausbildung findet. 
Sehr richtig spricht ein in der Pädagogik erfahrener Arzt: 
„Je weniger man die weiblichen Kinder übt, sich zu beherrschen, je ungemessener ihre Wünsche 
erfüllt werden, je mehr man ihnen gestattet, sich über ein zerbrochenes Spielzeug einer maßlosen 
Trauer hinzugeben, je mehr man die Rute spart, wenn sie sich bei einer getäuschten Hoffnung oder 
abgeschlagenen Erlaubnis ungebändigten Ausbrüchen der Leidenschaft hingeben, um so leichter 
werden sie später hysterisch. Übt man die Kinder zum Fleiß, zur Gewissenhaftigkeit, zur 
Selbstbeherrschung, lässt man heranwachsende Mädchen nicht den ganzen Tag bei sitzender 
Lebensweise stricken, Tapisserien nähen oder andere Arbeiten treiben, bei welchen sie ihren Gedanken, 

Empfindungen und Träumereien nachhängen können; bewahrt man sie vor schlechter Lektüre, 
durch welche sie überspannte Ideen bekommen, so schützt man sie am besten vor der Gefahr, 
hysterisch zu werden.“ 


Wo die Seelendiätetik in der Erziehung der weiblichen Jugend mangelt (vergleiche: Klencke’s Diätetik der Seele, 2. Auflage, Verlag von E. Kummer in Leipzig), also keine Übung in der Selbstbeherrschung 
der Launen, Empfindungen und Leidenschaften, dagegen überwiegende Phantasiebeschäftigung bei Müßiggang in nützlichen Dingen stattfand, da bleibt die Hysterie in der Regel im Verlaufe der Ehe 
nicht aus. In neuester Zeit ist man geneigt, in der Hysterie eine, wenn auch nicht näher erklärte 
Ernährungskrankheit des gesamten Nervensystems anzuerkennen. Die Haupterscheinung dieses 
gestörten Nervenleben charakterisiert  sich  durch  allgemeine  Erregbarkeit,  gesteigerte 
Reizempfänglichkeit,  die von den  Leidenden selbst als „Nervenschwäche“  bezeichnet zu 
werden pflegt, durch bald krampfartige, bald lähmungsähnliche Zustände des Muskellebens, 
besonders aber in den sensiblen Nerven durch Neuralgien, Schmerz in einzelnen  Nervenverzweigungen,  wie in der Rippen- oder Lendengegend, im Hüftgelenk, als Gesichtsschmerz und Migräne; dazu kommen mancherlei rheumatismusähnliche Empfindungen, Ameisenkriechen in 
der Haut und fast immer eine Empfindlichkeit der Rückenwirbelsäule bei Druck. Andere Frauen 
leiden an „hysterischem Asthma“  mit heftiger Beklemmung,  Schmerz unter dem Brustbein, 
Stimmritzenkrampf von starkem Herzklopfen begleitet, oft an plötzlichem Husten, Heiserkeit und alleZeichen eines  Brustkatarrhs ohne wirkliche katarrhalische Veranlassung. 
Bei allen hysterischen Weibern bildet sich mit der Zeit eine Unlust zu körperlichen Bewegungen aus, welche sich bei vielen als Bettsucht oder Neigung zum bequemen Liegen charakterisiert.

Unter den Erscheinungen des hysterischen Seelenlebens macht sich eine auffällige Willenlosigkeit 
bemerklich, ein Mangel an geistigem Widerstande, ein Hingeben an alle seelischen und körperlichen 
Eindrücke, die das hysterische Weib völlig überwältigen und deshalb unfähig machen, einen Anfall zu unterdrücken oder zu verbergen. „Ich kann nicht dagegen an“ heißt es bei ihnen. So wechseln die 
Extreme von Trauer,  Todesangst, froher Ausgelassenheit,  schreckhaftes Zittern,  Beklemmung und 
allen möglichen unvermuteten  Stimmungen:  endlich  bleibt  eine  vorherrschend unglückliche 
Grundstimmung der Seele zurück, wobei sich das  Denkvermögen  ungestört erhält. 
Es ist bereits, im Gegensatz zum Bequemlichkeitshange, der fortwährenden nervösen Unruhe des 
Geistes und Körpers  hysterischer Frauen gedacht worden,  die ohne Rast und Fähigkeit,  sich nur 
auf kurze Zeit Ruhe abzugewinnen oder auf einer Stelle sitzen zu bleiben,  beständig in einem 
ängstlichen  Wirken, Umherschwirren  und einer Geschäftigkeit 
forttreiben,  welche keinen eigentlichen reellen Zweck hat oder verschiedene Zwecke gleichzeitig 
und abspringend verfolgt. Einen den Ehemännern und der häuslichen Umgebung ebenso 
unerträglichen als wohlbekannten  Ausdruck nimmt diese Art  der hysterischen Unruhe 
in der sogenannten Wirtschafts- und Reinmachekrankheit an,  in welcher die  Frau fortwährend 
kontrolliert,  tadelt, überall Schmutz, Unordnung oder doch  Unangenehmes  sieht, stets scheuern, 
aufwaschen, Möbeln putzen läßt und die Ungemütlichkeit des Hauses durch steten Streit und 
Wechsel  der gequälten Dienstleute vergrößert.  Oder es kann die Frau nicht lange in einer und derselben Wohnung oder Einrichtung aushalten und 
zieht in unbefriedigter Veränderungssucht oft in andere Wohnungen oder wechselt das Meublement oder es treibt die Unruhe zur Reiselust, die dem beklagenswerten Ehemann sehr kostspielig und 
schwerer als die Bettsucht seiner Frau werden kann, wenn für sie die Zugvögeljahreszeit herannaht. 

Solche Parorismen sind, wie die ganze Krankheit, in ihren Erscheinungen sehr mannichfaltig. Wir 
können hier nicht speciell darauf eingehen. Auch wenn man nicht durch das Zeugniß eines 
beobachteten Anfalles wüßte, daß die Frau an Hysterie überhaupt litte, so würde man aber doch 
schon an der äußeren Erscheinung derselben, an ihrem physiognomischen Aussehen jenes Leiden 
erkennen können. Das Auge ist von einem ganz eigentümlichen Glanze, verlangend, schmachtend, 
halbgebrochen und tränenfeucht, die Hautoberfläche ist sehr empfindlich; schon die Vorstellung 
einer Berührung, geschweige die leiseste, erregt Kitzelgefühl, man findet Geist und Gemüt niemals 
normal gestimmt, die Vorstellungen und Urteile sind gewöhnlich nicht objektiv, Lachen und Weinen 
können  im schroffsten Gegensätze wechseln. Alles hat den Charakter des Excesses, sei es Mitleid, 
Bewunderung, Interesse an Personen oder Dingen. 

Die bekannten Fälle von Hellseherinnen, Wundermädchen, religiösen Schwärmereien und 
Verzückungen sind nur hysterische Erscheinungen, — selbst der dabei obwaltende Betrug ist 
hysterisch, denn alle diese Weiber haben eine große Neigung zur Verstellung und Übertreibung; ist 
der Trieb nach Teilnahme und Aufmerksamkeit erst zur Sucht nach Ungewöhnlichem gesteigert, so 
kann das Weib, auch wenn es ursprünglich im Gemüt und Willen gut veranlagt wäre, 
sehr leicht in seinen moralischen Begriffen verwirrt  und zur  Heuchlerin seiner  überschwänglichen 
Gefühle werden. 

Obgleich die Ursachen der Ausbildung der Hysterie höchst mannichfaltig sind, so kommen auch, 
abgesehen von den  Fehlern der Erziehung und Seelenpflege,  auch häufige Ursachen in Betracht, 
die der Arzt suchen und zum Objekt seiner Heilbestrebungen machen muß. Gewissermaßen ist die 
Hysterie für andere Frauen, die mit einer hysterischen in täglichem Umgange leben und deren 
Anfällen öfters beiwohnen, ansteckend, besonders, wenn sie bereits Disposition dazu haben und 
durch sitzende Lebensweise, Müßiggang, Üppigkeit etc. dieselbe fördern; auch kommt sie nicht 
selten zum Ausbruch durch plötzlichen Übergang aus Entbehrung in Genußsucht, wie man es oft bei 
jungen Frauen trifft, die als arme, notleidende Mädchen durch  eine Heirat  in Wohlleben versetzt 
werden.  Überhaupt  ist jeder rasche Wechsel der Lebensweise  für Frauen  in dieser Hinsicht  gefährlich. 

Häufig geht der Hysterie der Veitstanz in der Entwickelungszeit des Mädchens vorher oder begleitet 
dieselbe  bei den Parorismen.  Die in späteren Lebensjahren entstehende Hysterie  ist die  hartnäckigste,  obgleich sie immer ein chronisches Leiden bleibt; es hat sich übrigens 
herausgestellt, daß beginnende Lungenschwindsucht und Herzkrankheit bisweilen längere Zeit die 
Maske der Hysterie tragen können. Es würde der Kurpfuscherei Vorschub leisten und dadurch Vieles versäumt oder gefehlt werden, wollten wir hier gegen die hauptsächlichsten Erscheinungen und 
Anfälle dieser Art Mittel empfehlen, die doch nur Palliativmittel sein könnten, als schmerzstillende, 
krampfstillende oder beruhigende, wohl gar Schlafmittel; dies überläßt man verständigerweise dem 
sachkundigen und den einzelnen Fall beurteilenden Arzt. Das einzige Linderungsmittel, welches eine hysterische Frau in ihrer Hausapotheke vorrätig halten möge, ist Valerian (Balderian)-Tee oder Baleriantinktur, rein für sich oder mit Pomeranzentinktur und etwas Schwefeläther 
gemischt, um hiervon nach Bedürfnis tropfenweise in etwas Wasser zu nehmen. 
Höchst gefährlich ist aber das beliebte Gewöhnen an Narkotika, Morphium, Opium, Chloralhydrat 
etc.  Verständiger und heilsamer ist ein richtiges  diätetisches Verhalten, teils  um Anfälle 
zu verhüten,  teils um das allgemeine Befinden zu verbessern. 

Eine vorzügliche Sorge muß die hysterische Frau auf eine kräftige Vegetation ihres Nervenlebens 
richten, damit dessen Reizbarkeit gemildert, die Energie aber gehoben werde; dies bewirken: 
Aufenthalt und Beschäftigung in freier Luft, namentlich Landluft, ferner, damit die gesunkene 
Willenskraft wieder erweckt werde, nützliche, körperliche, den Kräften jedes mal angemessene 
Arbeit, eine mit Muskelgebrauch verbundene Tätigkeit, Besorgung häuslicher Geschäfte, leichte 
Fußwanderungen, lautes Vorlesen, ein mäßiges Tanzvergnügen, Vermehr in munterer Gesellschaft, 
Vermeidung des einsamen, müßigen Hinträumens; dann aber auch eine richtige Diät im Essen und 
Trinken. Es führen die meisten hysterischen Frauen eine unpassende Diät nach Launen und Gelüsten, sie naschen lieber, als daß sie regelmäßige Mahlzeiten halten, sie haben höchst wunderliche Appetite 
für  Obst, Zucker, Backwerk, fette Milch, trocknes Brot,  Mehl, sogar oft auf  ungenießbare 
Substanzen,  wie Kreide, Schieferstaub etc.  Die Diät soll in  Substanz und Zeit  durchaus  regelmäßig, 
nahrhaft,  aber leicht verdaulich und jedes Mal mäßig sein.  Um die gesteigerte Empfindlichkeit 
abzustumpfen, eignen sich Sool- und Seebäder,  oder eine verständige methodische Abhärtungskur.
Verschlagwortet

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